Verlust einer Landschaft: Das Kirner Land im Wandel

Der Beitrag von Paul-Gerhard Wagner beleuchtet die tiefgreifenden Veränderungen im Kirner Land auf Grundlage persönlicher Beobachtungen und historischer Entwicklungen. Er versteht sich als kritische Bestandsaufnahme von Landschaft, Landwirtschaft und Wasserhaushalt im Wandel der vergangenen Jahrzehnte. Zugleich soll er zum Nachdenken über die zukünftige Entwicklung und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen der Region anregen.

„Im Wandel der Zeitgeschichte und auf Grundlage eigener Beobachtungen lassen sich die Veränderungen im Kirner Land deutlich nachvollziehen. Nach dem Stand des landwirtschaftlichen Entwicklungsprogramms aus dem Jahr 1975 verfügte der Forstamtsbezirk Kirn über eine Fläche von etwa 3.840 Hektar. Davon entfielen rund 70 % auf Körperschaftswald, 17 % auf Staatswald und etwa 16 % auf Privatwald. Zu dieser Zeit stand vor allem die Wirtschaftlichkeit des Waldes im Mittelpunkt, insbesondere der jährlich geplante und fortgeschriebene Holzeinschlag. Auch die Wasserversorgung war unterschiedlich organisiert. Während Kirn-Land über eine Gruppenwasserversorgung verfügte, besaß Heimweiler ein Wasserschutzgebiet von über 50 Hektar. In Bruschied und Schneppenbach lagen diese Flächen zwischen 20 und 50 Hektar. Orte wie Brauweiler, Meckenbach, Becherbach bei Kirn, Otzweiler und Schwarzerden verfügten damals noch über eine eigene Wasserversorgung.

In den 1950er Jahren gab es allein in Oberhausen bei Kirn 27 landwirtschaftliche Betriebe. Ab Mitte der 1960er Jahre entstanden zunehmend Aussiedlungsbetriebe, unter anderem in Hennweiler, Becherbach, Limbach, Schwarzerden, Hochstetten, Heimweiler und Simmertal. Gleichzeitig vollzog sich ein grundlegender Strukturwandel: Die ursprünglich vielfältigen landwirtschaftlichen Betriebe stellten ihre Produktion weitgehend auf Marktfruchtbau um. Die Milch-, Vieh- und Pferdewirtschaft ging stark zurück und wird heute nur noch von wenigen Betrieben betrieben. Der Anteil des Waldes im Kirner Land ist im Verlauf der letzten 50 Jahre deutlich gesunken und beträgt heute nur noch etwa 28 % der Gesamtfläche. Auch die Baumdichte hat sich stark reduziert: Waren es früher etwa 72 Bäume pro Hektar, sind es heute nur noch rund 34. Ursachen hierfür sind der langjährige Holzeinschlag, zunehmende Trockenheit, Windwurf sowie Schädlingsbefall, insbesondere durch Borkenkäfer. Zwar wurden Aufforstungen durchgeführt und natürliche Verjüngung zugelassen, doch konnten diese Entwicklungen bislang nicht vollständig ausgleichen. Die anhaltende Trockenheit setzt dem Wald zusätzlich zu; alte Eichen und Buchen vertrocknen zunehmend, während Nadelwälder besonders stark unter Schädlingsbefall leiden.

Parallel dazu hat sich die Nutzung der Flächen verändert. Ehemalige landwirtschaftliche Nutzflächen wurden zu Bauland, Straßen oder liegen brach. Wiesenflächen haben ebenfalls abgenommen. Die Versiegelung durch Straßen und Plätze nimmt weiter zu. Allein in der Ortsgemeinde Oberhausen bei Kirn hat sich die bebaute Fläche mehr als verdoppelt. Auch der Wasserhaushalt hat sich spürbar verändert. Der einstige Grundwasserreichtum führte dazu, dass viele Häuser in der Soonwaldstraße über eigene Brunnen verfügten. Erst zwischen 1952 und 1954 wurde eine zentrale Wasserversorgung eingerichtet. Im Zuge der Flurbereinigung Anfang der 1950er Jahre wurden Drainagearbeiten durchgeführt, um landwirtschaftliche Flächen zu entwässern. Der von Quarzit und Schiefer durchzogene Untergrund besitzt zahlreiche wasserführende Kapillaren, die miteinander in Verbindung stehen. Doch diese natürlichen Systeme geraten zunehmend aus dem Gleichgewicht. Der Grundwasserspiegel sinkt, Böden trocknen aus, und die Kapillarstrukturen brechen teilweise zusammen. In der Folge fehlt den Bäumen immer häufiger das notwendige Wasser.

Auch die Fließgewässer sind betroffen. Der Hundsstallbach, der im Eichenwald „Auf der Lay“ entspringt und durch Oberhausen nach Kirn fließt, führt von Jahr zu Jahr weniger Wasser. Dies ist ein sichtbares Zeichen für die fortschreitende Austrocknung der Landschaft. Eine weitere Form der Flächennutzung entsteht durch den Bau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen. Zwar können diese Anlagen grundsätzlich zurückgebaut werden, doch gehen sie mit Eingriffen in Natur und Landschaft einher. Zudem wird befürchtet, dass sie langfristig zusätzliche ökologische und wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Das Kirner Land, einst geprägt von Wäldern, Burgen und einer vielfältigen Naturlandschaft entlang von Hahnenbach und Simmerbach, steht damit vor tiefgreifenden Veränderungen. Es stellt sich die Frage, ob die Region durch den Rückgang der Wälder, den veränderten Wasserhaushalt und die zunehmende Flächeninanspruchnahme langfristig an Wohn- und Erholungswert verliert – und damit auch ein Stück ihrer geschichtlichen Identität einbüßt.„

Paul-Gerhard Wagner

55606 Oberhausen bei Kirn