Kaum versprüht irgendein Idiot auf einer Kirmes Reizgas, läuft der sicherheitspolitische Reflex auf Hochtouren. Statt den Vorfall als das einzuordnen, was er ist – eine einzelne, nicht vollständig verhinderbare Tat – wird umgehend der ganz große Maßnahmenkatalog ausgepackt. Passend dazu titelte der Öffentliche Anzeiger: „Rüdesheimer Kirmes: Was bringt mehr Sicherheit?“ Die kurze und ehrliche Antwort lautet: Bei einem solchen Vorgehen eines Einzelnen – nichts. Viele kamen zu Wort und forderten: Mehr Security, Einlasskontrollen, Videoüberwachung – am besten alles gleichzeitig. Hauptsache, man demonstriert Handlungsfähigkeit. Ob solche Maßnahmen aus der Behörden- Aktionismus-Fibel tatsächlich verhindern, dass jemand spontan eine Dose Reizgas zückt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Rechnung ist dagegen eindeutig: mehr Personal, mehr Technik, mehr Aufwand – und damit höhere Kosten. Bezahlen dürfen das am Ende die Veranstalter und die Besucher. Für ein Sicherheitsgefühl, das vor allem auf dem Papier existiert. Denkt man diese Logik konsequent weiter, braucht es bald mehr Sicherheitskräfte als Schausteller.
Und kleine Volksfeste können sich den ganzen Aufwand irgendwann schlicht nicht mehr leisten. Gerade jetzt, wo die Festmonate erst richtig beginnen, wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht. Veranstalter in anderen Orten täten gut daran, nicht vorschnell in denselben Sicherheitswahn zu verfallen und reflexartig Maßnahmen zu übernehmen, die am Ende mehr kosten als nutzen. Man stelle sich vor, beim Romantischen Gartenfest am kommenden Wochenende in Dhaun würde ein ähnlicher Vorfall passieren. Sollte man dort im Vorfeld schon nach dem Rüdesheimer Vorbild aufrüsten? Wohl kaum. Kerb oder Gartenfest, es treffen sich viele Menschen. Doch nicht jedes Szenario rechtfertigt denselben Maßnahmenkatalog. Natürlich ist Sicherheit wichtig. Aber der Versuch, jedes Restrisiko auszuschließen, führt nicht zu mehr Lebensqualität – sondern im Zweifel dazu, dass genau die Veranstaltungen verschwinden, die man eigentlich schützen wollte. Und währenddessen haben zumindest einige ihr Ziel erreicht: Für ein paar Tage ist die Schlagzeile, die Zeitungen gerne präsentieren, gesichert – Dramatisierung inklusive.




