Das Kirner Land befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der sowohl die Landschaft als auch das Leben in den Gemeinden nachhaltig verändert. Zwischen Energiewende, landwirtschaftlichem Strukturwandel und dem Rückgang dörflicher Gemeinschaften entstehen neue Chancen, aber auch spürbare Verluste. Vor diesem Hintergrund stellt sich Paul-Gerhard Wagner die Frage, wie sich Heimat, Natur und Lebensqualität künftig miteinander verbinden lassen.
„Ist die Elektrostromgewinnung durch Wind, Wasser und Sonne wirklich kostenlos, so wie es die Werbung immer verkündet? Die Bilder der Dörfer, heute die Ortsgemeinden, haben sich gewandelt. Das betrifft sowohl die Gebäudegestaltung als auch die Nutzung des Lebensraumes im Laufe der letzten 60 Jahre. Die Einwohnerzahlen sind gestiegen, das Gemeinschaftsleben hat sich verändert. Die Landwirte, bis auf den einen oder anderen im Ort, gibt es nicht mehr. Die Berufstätigkeit wird überwiegend auswärts in vielen neuen Berufszweigen praktisch und verwaltungsmäßig ausgeübt. Damit werden auch die Menschen anonymer. Das Leben in der Gemeinschaft hat sich gewandelt, ohne dass sich die Menschen darüber Gedanken machen. Das Vereinsleben geht zurück. Die Kirchgänge am Sonntag wechseln von Ort zu Ort. Die Gemeinschaftsfeiern und Feste werden weniger. Die traditionelle Dorfkerb im Jahr verliert ihre Bedeutung. Hinzu kommt, dass die ehrenamtliche Beteiligung immer mehr verloren geht.
Das frühere Ortsbild mit den Landwirten, dem Bestellen der Felder und Wiesen wird kaum noch wahrgenommen. Was als belästigend empfunden wird, ist die Staubentwicklung bei der maschinellen Bearbeitung der Felder und die Gülleausbringung. Die Vielfalt der früheren Ackerlandbewirtschaftung ist nur den wenigsten noch bekannt. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Dorfbevölkerung vom Ertrag der geernteten Feldfrüchte aus der Gemarkung hier nicht mehr satt würde. Zudem wurden die landwirtschaftlich genutzten Flächen zu Monokulturen intensiv genutzt. Damit ist auch eine Veränderung der Pflanzen und Lebewesen eingetreten. Die Artenvielfalt hat sich reduziert, teilweise gibt es viele Kleinlebewesen nicht mehr. Die Artenvielfalt an Pflanzen, Kräutern und Gräsern hat sich reduziert. Die Flora bildet die natürliche Grundlage für das Leben. Pflanzen produzieren Sauerstoff und binden Kohlenstoff.
Vielen Menschen scheint die ökologische Bedeutung des Naturkreislaufes abhandengekommen zu sein. Die Notwendigkeit der heimischen Landwirtschaft war vor allem in den Kriegszeiten den Stadtbewohnern bewusst. Das hatte sich bis in die 1950er- und 1960er-Jahre erhalten. Eine darauf folgende Importwirtschaft mit Nahrungsmitteln hat die Existenz der Landwirte eingeschränkt. Die Folgen waren unter anderem Verpachtung und Verkauf der Landflächen. Wieder etwas später wurden auf den Äckern zunehmend Baugebiete erschlossen. Einst waren es die Misthaufen an den Gehöften, die auf die Größe der Betriebe Rückschlüsse zuließen. Diese wurden im Laufe der Jahre kleiner, bis sie verschwanden. An ihre Stelle traten Brennholzlager, die von Jahr zu Jahr größer wurden. Das Holzmachen im Wald wurde zum Sport und Prestige. Heute wird man sich der Folgen bewusst.
Von meinem Großvater aus Hirschfeld, einem Landwirt und Waldbesitzer, wurde die Erkenntnis weitergegeben, dass derjenige, der einen Baum erntet, vier Bäume pflanzen muss. Gefälltes Holz wurde einst überwiegend als Nutzholz zum Bauen verwendet. Weniger Bäume, weniger Aussaat, lichte, trockene Wälder. Das Sterben der Wälder wird heute sichtbar. Aufkommende Kahlflächen werden wohl künftige Generationen als Photovoltaikfelder erschließen, sofern es sinnvoll ist. Der Ausbau der Landschaft mit Energieanlagen wie Windkraft und Photovoltaik macht aber auch immer neue Kabeltrassen im Erdreich wie über Masten notwendig; es entsteht eine andere Art von Industrielandschaft. Das Ausmaß und die Folgen beeinflussen und verändern die Lebensqualität der Menschen. Es wandelt sich die Natur und findet zunehmend digital statt.
Klimaveränderungen sowie Temperatur- und Unwettereinbrüche treten häufiger auf. Der Wald stirbt nach den jetzigen Erkenntnissen. Wenn immer mehr Fläche durch Bebauung versiegelt wird, verringert sich die Versickerungsfläche. Der Verbrauch an Wasser aus Brunnen, Talsperren und Uferfiltrat ist mittlerweile größer geworden, als dass er durch die Niederschläge ausgeglichen wird. Die neue Lebensqualität findet zunehmend naturabgewandt statt. Ist ein Leben auf dem Lande bei der rasanten technischen Entwicklung für die nächsten Jahre voraussehbar und auch lebenswert? Kann ein Bürgerbegehren noch etwas bewegen und auslösen?„
Paul-Gerhard Wagner
55606 Oberhausen bei Kirn





Vielen Dank für diesen nachdenklichen Beitrag. So etwas bekommt man viel zu selten zu lesen.