Vom Krankenhausrundgang zur Rettungsaktion – oder: Die hohe Kunst des Betroffen-Schauens

Schon gelesen? Die Verbandsgemeinde Kirner Land hat auf ihrer Internetseite ausführlich über den Besuch der Ortsbürgermeisterinnen und Ortsbürgermeister sowie der Vertreterinnen und Vertreter der Ortsgemeinden im Diakonie Krankenhaus Kirn berichtet. Ein Termin auf Einladung von Dr. Horn mit allem, was ein politischer Vor-Ort-Besuch so braucht: freundliche Gespräche, interessierte Blicke, wichtige Erkenntnisse und vermutlich auch die beruhigende Feststellung: Das Krankenhaus steht tatsächlich noch. Dieser Besuch war richtig und wichtig. Keine Frage. Man hat gesehen, dass dort Menschen arbeiten, dass moderne Medizin angeboten wird und dass das Kirner Krankenhaus eben nicht nur aus einem Schild am Eingang besteht. Eine durchaus wertvolle Erkenntnis – vor allem für diejenigen, die bisher vielleicht dachten, ein Krankenhaus funktioniere hauptsächlich durch Gebäude, Parkplätze und gelegentliche Pressemitteilungen.

Umso unverständlicher ist es allerdings, dass der Öffentliche Anzeiger diesen für die Region so bedeutsamen Termin offenbar nicht mit einer eigenen Redaktion begleitet hat, sondern stattdessen auf die Pressemitteilung der Verbandsgemeinde zurückgriff. Wenn nahezu alle Ortsbürgermeisterinnen und Ortsbürgermeister gemeinsam mit der Krankenhausleitung über die Zukunft der medizinischen Versorgung im Kirner Land ins Gespräch kommen, ist das weit mehr als ein gewöhnlicher Pressetermin. Ein solches Ereignis verdient unabhängigen Journalismus – mit eigener Recherche, Nachfragen und Einordnung. Gerade bei einem Thema, das die Menschen in der gesamten Region bewegt, wird die bloße Wiedergabe einer Pressemitteilung der politischen und gesellschaftlichen Tragweite dieses Termins nicht gerecht.

Und was passiert jetzt?

Denn irgendwann muss aus dem gemeinsamen Nicken im Krankenhausflur auch politisches Handeln werden. Die entscheidenden Monate für die Zukunft des Hauses stehen bevor. Daher war die Einladung auch so etwas wie ein Weckruf. Die Probleme sind nicht neu, die Zahlen sind bekannt, die Argumente liegen längst auf dem Tisch. Der Befund ist erstellt – jetzt wäre eigentlich die Phase gekommen, in der man nicht mehr nur über die Diagnose spricht, sondern mit der Behandlung beginnt. Ein weiterer Rundgang wird das Krankenhaus nicht retten. Auch die schönste Pressemitteilung ersetzt keinen politischen Druck. Jetzt sind die kommunalen Gremien gefragt. Dort, wo Beschlüsse gefasst werden, muss deutlich gemacht werden: Das Kirner Land erwartet eine verlässliche stationäre Versorgung und eine echte 24/7-Notfallversorgung. Diese Botschaft muss nicht nur freundlich formuliert, sondern mit Nachdruck nach Mainz getragen werden.

Dabei sollte auch ein Blick zurück erlaubt sein. Die Erfahrung mit der Ärztlichen Bereitschaftsdienstzentrale am Krankenhaus Kirn zeigt, wie wichtig es ist, bei solchen Entscheidungen genau hinzuschauen. Bürgermeister Thomas Jung und Landrätin Bettina Dickes ließen seinerzeit zu, dass diese Einrichtung ihren Betrieb am Krankenhaus einstellte – verbunden mit der damaligen Einschätzung, es handele sich um eine gute Lösung. Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass vorschnelle Entscheidungen mit weitreichenden Folgen nicht einfach wiederholt werden dürfen. Was einmal als Verbesserung verkauft wird, kann sich später als Verlust für die regionale Versorgung erweisen. Genau diese Erfahrung sollte bei allen weiteren Entscheidungen rund um das Krankenhaus eine zentrale Rolle spielen. Denn die Erfahrung zeigt: In Mainz und Berlin gibt es viele wichtige Anliegen. Wer nur höflich anklopft, bekommt im Zweifel ein freundliches Lächeln, eine Gesprächszusage und vielleicht noch eine Arbeitsgruppe. Und während die Arbeitsgruppe arbeitet, arbeitet die Realität weiter.

Besonders gefährlich ist die Vorstellung, eine reine „Regioklinik“ könne die Lösung sein. Das klingt zunächst modern und zukunftsorientiert – ähnlich wie ein „Rückbau mit Perspektive“ oder ein „Abbau zur Stärkung der Strukturen“. In der Realität könnte daraus jedoch der schleichende Tod des Kirner Krankenhauses werden. Denn ein Krankenhaus stirbt nicht erst dann, wenn die Türen verschlossen werden. Es stirbt, wenn Schritt für Schritt Leistungen verschwinden, Fachbereiche ausgedünnt werden und aus einem vollwertigen Versorgungsstandort langsam nur noch ein Name auf der Landkarte wird. Die Bürgerinitiative hat in den vergangenen Monaten enorm viel geleistet.

Sie hat mobilisiert, informiert und dafür gesorgt, dass das Thema nicht von der politischen Tagesordnung verschwindet. Aber eine Bürgerinitiative kann nicht dauerhaft die Aufgaben übernehmen, für die gewählte Vertreter Verantwortung tragen. Die Menschen im Kirner Land brauchen deshalb jetzt nicht nur Politikerinnen und Politiker mit Besichtigungsordnern, sondern Mandatsträger, die bereit sind, ihre politische Verantwortung wahrzunehmen und sich mit Nachdruck für den Erhalt ihres Krankenhauses einzusetzen. Denn eines ist sicher: Ein Krankenhaus lässt sich nicht durch Anwesenheit erhalten. Manchmal reicht es nicht, am Krankenbett zu stehen und festzustellen, dass der Patient krank ist. Irgendwann muss auch jemand den Notruf wählen – und anschließend alles daransetzen, dass Hilfe rechtzeitig eintrifft.

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