Reformpaket ad absurdum: Wenn der erste Krankheitstag zum Arztbesuch verpflichtet

Es gibt politische Ideen, bei denen man sich fragt, ob sie im Wartezimmer entstanden sind. Die neueste gehört eindeutig dazu. Künftig soll die Krankschreibung vom ersten Krankheitstag an nur noch mit ärztlicher Bescheinigung möglich sein. Eine wunderbare Nachricht – zumindest für alle, die schon immer einmal zwei Stunden hustend zwischen grippalen Infekten, Magen-Darm-Viren und dem unvermeidlichen Schnupfen auf einen freien Stuhl im Wartezimmer gewartet haben. Besonders freuen dürfte sich darüber das Kirner Land. Dort, wo Hausärzte ungefähr so häufig nachwachsen wie Einhörner. Und auch im gesamten Landkreis Bad Kreuznach wird man die Entscheidung mit Begeisterung aufgenommen haben. Schließlich gibt es ja bekanntlich viel zu viele freie Termine, leere Wartezimmer und Ärzte, die sich den ganzen Vormittag fragen, womit sie ihre Zeit verbringen sollen.

Bisher konnten viele Menschen mit einer harmlosen Erkältung zu Hause bleiben, Tee trinken und nach ein oder zwei Tagen wieder arbeiten. Welch verschwendetes Potenzial! Jetzt dürfen sie stattdessen erst einmal den Weg in die Praxis antreten. Natürlich nicht, weil sie behandelt werden müssen – sondern weil sie einen Zettel brauchen. Die Ärzte werden begeistert sein. Statt sich um Menschen mit ernsthaften Erkrankungen zu kümmern, dürfen sie künftig noch mehr Bescheinigungen ausstellen. Medizinische Höchstleistung trifft Bürokratie in Reinform. Und die Patienten? Die bringen ihre Viren gleich mit. Das Wartezimmer wird endgültig zum gesellschaftlichen Treffpunkt der Saison: Husten links, Niesen rechts, Fieber in der Mitte. Wer gesund hineingeht, hat gute Chancen, mit einer neuen Bekanntschaft – oder einem neuen Virus – wieder hinauszukommen.

Natürlich verfolgt die Politik damit ein hehres Ziel: Missbrauch verhindern. Vertrauen in die Bürgerinnen und Bürger sieht allerdings anders aus. Stattdessen wird ein Generalverdacht zur Grundlage neuer Regeln. Wer krank ist, muss ihn erst einmal widerlegen – mit einem ärztlichen Attest. Doch wenn dafür Zehntausende zusätzliche Arztkontakte entstehen, obwohl viele Betroffene mit ein oder zwei Tagen Ruhe längst wieder auf den Beinen wären, drängt sich eine einfache Frage auf: Wem ist damit eigentlich geholfen? Den Patienten wohl kaum. Den Hausärzten ganz sicher nicht. Und einem ohnehin überlasteten Gesundheitssystem erst recht nicht. Vielleicht profitieren am Ende nur die Hersteller von Wartezimmerstühlen. Denn deren Auslastung dürfte künftig deutlich steigen. Und wer gesund in die Praxis kommt, hat angesichts der dicht besetzten Wartezimmer durchaus gute Chancen, sie mit einem zusätzlichen Virus wieder zu verlassen.

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