Weingarten kritisiert, Hennemann widerspricht – Gegensätzliche Meinungen zum Lokaljournalismus

Manche Dialoge auf Facebook verdienen wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Joe Weingarten kritisierte kürzlich den zunehmenden Rückzug der Tageszeitungen aus dem Lokalen. Wer geheiratet hat, welcher Verein ein Jubiläum feierte, warum der Gemeinderat wieder länger tagte als geplant – all das hatte früher verlässlich seinen Platz, Woche für Woche, auch in der Rhein-Zeitung. Es war kein spektakulärer Journalismus, aber ein verbindender. Als Weingarten an Ostern öffentlich über die Medienlandschaft nachdachte, fiel ihm genau dieser Aspekt besonders auf. Sein auf Facebook veröffentlichter Text war kein Frontalangriff, sondern eher eine Bestandsaufnahme: überregionale Zeitungen, die sich aus seiner Sicht einander angenähert haben, und Lokalzeitungen, die sich verändert haben. „Ausgedünnt“ nannte er das – weniger als Vorwurf gemeint, vielmehr als Beschreibung eines Eindrucks, der sich über die Zeit verfestigt hat.

Die Reaktion aus der Redaktion ließ nicht lange auf sich warten. Höflich im Ton, aber klar in der Sache widersprach Chefredakteur Lars Hennemann. Eine Ausdünnung sehe man nicht, zumindest nicht im eigenen Haus. Im Gegenteil: Man habe Strukturen erhalten und arbeite unter Bedingungen, die von außen oft unterschätzt würden. Steigende Kosten, politische Rahmenbedingungen, wirtschaftlicher Druck – all das gehöre zur Realität, in der Lokaljournalismus heute stattfindet. Darüber müsse man sprechen, gerne auch persönlich und nicht nur öffentlich. Ein solches Gespräch erscheint naheliegend. So stehen sich zwei Perspektiven gegenüber, die sich weniger widersprechen, als es zunächst scheint. Denn während die Redaktion auf Zahlen, Stellen und Organisation blickt, schauen Weingarten und viele Leser vor allem auf das Ergebnis. Und dieses Ergebnis hat sich im Kirner Land aus Sicht von Beobachtern erkennbar verändert. Themen, die früher selbstverständlich ihren Platz fanden – kleinere Vereinsaktivitäten, lokale Termine, das Alltägliche im besten Sinne – scheinen heute seltener oder mit zeitlichem Abstand in Erscheinung zu treten. Nicht zwingend, weil niemand mehr darüber berichten will, sondern möglicherweise auch, weil sich Prioritäten verschoben haben, Abläufe verändert wurden und Ressourcen anders eingesetzt werden.

Genau darin liegt der Kern der Debatte. Der Chefredakteur hat recht, wenn er auf die komplexen Rahmenbedingungen hinweist, die den Lokaljournalismus heute prägen. Diese auszublenden, würde zu kurz greifen. Gleichzeitig hat Weingarten einen Punkt: Für Leser zeigt sich Qualität weniger in internen Strukturen als in dem, was tatsächlich im Blatt steht. Und wenn dieses Angebot von Teilen der Leserschaft als schmaler wahrgenommen wird als früher und zugleich als kostenintensiver, dann ist auch dieser Eindruck Teil der Realität – unabhängig davon, wie er im Detail zustande kommt. Am Ende bleibt weniger ein Widerspruch als eine Differenz der Blickwinkel. Die eine Seite beschreibt, was unter den gegebenen Bedingungen möglich ist – und warum manches schwieriger geworden ist. Die andere beschreibt, was bei den Menschen ankommt. Und dieser Eindruck fällt nicht immer deckungsgleich aus. Dazwischen steht die entscheidende Frage: Wie kann Lokaljournalismus wieder so sichtbar werden, dass er für die Menschen vor Ort seine frühere Selbstverständlichkeit zurückgewinnt? Die ernüchternde Antwort: vermutlich nicht in der alten Form. Printmedien dürften weiter Leser verlieren – in welchem Ausmaß, bleibt offen.

2 thoughts on “Weingarten kritisiert, Hennemann widerspricht – Gegensätzliche Meinungen zum Lokaljournalismus

  1. In der Tat sind Printmedien starken wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt, Sparmaßnahmen wie die Zusammenlegung der Ausgaben, Schließung der Redaktionen, Rückzug aus der Fläche, haben zwar die Kosten gesenkt, aber auch den Bindung zur Leserschaft gelockert. Dazu eher moderate Berichte über die vermeintlichen Vordenker in der ersten Reihe. Dennoch schätzen wir, wenn die Journalisten die Arbeit der politischen Gremien verfolgen und nach bestem Gewissen objektiv berichten. Das hat seinen Preis verdient. Vielleicht weniger reißerische Berichte über eingeklemmte Kleinwagen, dafür eher Berichte über das eine oder andere Jubiläum und Oma Trudes 100. Geburtstag. Das stärkt die Loyalität der Leserschaft und die regionale Verwurzlung.
    Denn einseitig gefärbte und gefilterter Berichte aus FB-Blase etc. sind kaum eine Alternative für den mitdenkenden Leser, der den ausgewogenen Journalismus schätzt

  2. Früher war die Lokalzeitung „Pflicht“ in den allermeisten Haushalten!! Journalisten mit heimatlichen Wurzeln berichteten aktuell und fundiert über lokale Themen und Ereignisse!!
    Dienstags gab es eine mehrseitige, aktuelle Sportbeilage mit Ergebnissen und Hintergrundberichten für alle lokalen Sportarten!!
    Lokalredaktionen wurden dann nach und nach geschlossen und die Anzahl der „Kirner Seiten“ wurden immer weniger!!
    Auf der anderen Seite verteuerte sich allerdings gleichzeitig das „Abo“ stetig!!
    Mit dem Internet veränderte sich die mediale Landschaft in großen Schritten und heutzutage ist die „Zeitung“ in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr zeitgemäß!!
    Selbst im Online-Format hat die Regionalzeitung einen schwierigen Stand!!

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