Leserbeitrag: Wertschätzung, Werteverfall, Niedergang in einer Stadt

Wie verändert sich eine Stadt, wenn sich Arbeit, Wirtschaft und gesellschaftliche Werte grundlegend wandeln? In diesem Leserbeitrag setzt sich der Autor kritisch mit der Entwicklung von Kirn auseinander und spannt dabei einen weiten Bogen von der industriellen Vergangenheit bis zur digitalen Gegenwart. Zwischen Erinnerungen an frühere Arbeitswelten, dem Einfluss neuer Technologien und der Frage nach dem Wert von Fortschritt entsteht eine persönliche Betrachtung über Veränderung, Verlust und Zukunftsperspektiven.

Ein liebenswertes Städtchen wie Kirn war einst ein bekannter Ort für Tourismus. Dazu haben viele Gasthöfe, Restaurants, Hotels sowie Unternehmen beigetragen. Vor allem ist die Kirner Brauerei ein Unternehmen, das die Veränderungen seit der Gründung 1798 erlebt, getragen und überstanden hat. Heute ist es kein Zufall, wenn diese Brauerei über 10.000 Clubmitglieder über die Landesgrenzen hinaus zählt. In der industriellen Welt von heute mit individueller Technik, Automation und Robotik sowie Stromerzeugung durch Wind und Photovoltaik verliert sich die Vorstellung, arbeiten zu müssen. Dazu relativiert sich auch das Gefühl für das Arbeiten für Geld, was noch die Regel ist.

Die digitale Revolution mit der künstlichen Intelligenz (KI) bestimmt die zukünftige Welt, wie in Silicon Valley (Kalifornien). Der produktive, kapitalistische Individualismus beendet die Lohnarbeit. Der Siegeszug mit Geld und Kryptowährung wird bestimmt u. a. von Elon Musk, Peter Thiel, Bill Gates und Mark Zuckerberg mit ihren Finanzmonopolen. Sie geben Beispiele dafür, wie Geld mit Geld vermehrt wird. Wer erinnert sich heute noch an die Arbeiter aus Kirn, die Gerber, Portefeller, Stanzer, an die Arbeiter bei der Bahn, in Werkstätten und an den Gleisen, in der Rotte, an den Lokomotiven, die Steinbruch- und Pflastersteinbearbeiter, die Bergleute in den Untertagegruben, die Stahl-Guss-Gießereiarbeiter, die Arbeiter an Hochöfen, die von Kirn aus ins Saarland anreisten?

Wer denkt noch an die Landwirte in den Ställen und auf den Feldern, die noch ohne Traktor, Melkmaschine und andere Landmaschinen Knochenarbeit ausführen mussten? Heute gilt die Devise, mit digitaler Technik zu stetem Wachstum und Wohlstand zur Steigerung des Brutto-Sozialproduktes zu gelangen. So klingen die Parolen der Werbung und der Politiker, für die nur Erfolg und Gewinnmaximierung zählt. Die Energieproduktion befindet sich auf Erfolgskurs. Das Gewinn- und Erfolgsdenken gehört zur Lebensphilosophie. Energie zählt auch durch das neue Gesetz (GmodG) zu den Grundlagen des zukünftigen Lebens. Gehört es künftig auch dazu, nach der Geburt einen entsprechenden Chip implantiert zu bekommen? Wer künftig Zweifel an einer Wohlstandsentwicklung hegt, wird geächtet. Es gilt der technische und wirtschaftliche Erfolg als unaufhaltsame, vorgegebene Entwicklung und als projiziertes Geschäftsmodell.

Ein durch Computer betriebener Hochfrequenzhandel mit zunehmend bargeldlosem Zahlungsverkehr lässt virtuell die Sorgen von heute vergessen. Geld, Vermögen – wenn man es hat – lassen dabei alle sozialen Klassenunterschiede vergessen. Dieser digitale Fortschritt mit Geld und Vermögen lässt aufgrund des Datenzugriffs mit Informationen alle sozialen Unterschiede vergessen. Die Lehre vom Kommunismus erledigt sich. Amerika lebt vor und zeigt der Welt, dass es auch ohne demokratische Systeme geht. So kann Fortschritt jedoch in der jetzigen Entwicklung auch ein Rückschritt werden, sofern dies wahrgenommen wird. Ist die Stadt Kirn ein Spiegelbild – und schauen wir hinein?

Paul-Gerhard Wagner

55606 Oberhausen bei Kirn

One thought on “Leserbeitrag: Wertschätzung, Werteverfall, Niedergang in einer Stadt

  1. Die erste Hälfte des Textes ist konkret und, wo es um die Arbeitswelt von gestern geht, durchaus interessant. Die zweite Hälfte ist eher vage. Einige Stichworte werden bemüht (Digitalisierung, Hochfrequenzhandel usw.) und Schreckbilder gezeichnet (der gechippte Mensch), aber unbeantwortet bleibt die Frage, was das für einen Ort wie Kirn mit seinen spezifischen strukturellen Herausforderungen bedeuten könnte.

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