Der Wahlschein für die Briefwahl im Wahlkreis 18 ist ins Haus geflattert. Er kam nicht dramatisch, nicht mit Fanfaren – sondern ganz beiläufig. Und doch liegt er jetzt da wie eine Mischung aus Liebesbrief und Mathearbeit: Man weiß, man muss reagieren. Aber wie? Der Stift liegt griffbereit. Er wirkt erwartungsvoll. Fast gierig. Endlich darf er wieder ein Kreuzchen machen – sein einziger großer Auftritt zwischen Einkaufszettel und Paketannahme. Nur: Bei wem? Die Mitte soll es sein, sagt man ja gern. Die Mitte klingt vernünftig. Die Mitte klingt nach Filterkaffee, Reihenhaus und solider Steuererklärung. Also vielleicht die SPD mit Denis Alt als Direktkandidat? Bewährt, erfahren, staatsmännisch – also politisch ungefähr so aufregend wie ein gut eingelaufener Hausschuh. Man weiß, was man bekommt. Und genau das bekommt man dann auch. Oder doch frischer Wind? Die CDU schickt mit Katharina Gräf eine Newcomerin ins Rennen. Wechselstimmung! Aufbruch! Neustart! Das klingt ein bisschen wie Januar im Fitnessstudio: motiviert, ambitioniert – und man fragt sich leise, wie lange es anhält.
Wer nun glaubt, Orientierung falle einem beim Blick in den Himmel zu, der irrt. Orientierung gibt es am Mittwoch in Staudernheim. Große Zusammenkunft aller Kandidaten. Podiumsdiskussion. Moderiert! Das heißt: Einer darf reden, die anderen auch – aber nur nacheinander. Wer dort punktet, wer ins Schwimmen gerät und wer es schafft, in zwei Minuten tatsächlich eine Frage zu beantworten, wird sich zeigen. Danach wissen zumindest die Besucher mehr. Und alle anderen erfahren es später auf www.kirner-land-nachrichten.de – quasi als Nachhilfe in Sachen Demokratie. Bis dahin liegt der Wahlschein weiter auf dem Tisch. Der Stift seufzt. Und man selbst übt sich in der hohen Kunst des politischen Kreuzchen-Yogas: tief einatmen, Verantwortung spüren, ausatmen – und hoffen, dass die Mitte diesmal nicht irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Katzenfutter verloren gegangen ist.




