Man fährt einmal sieben Tage in den Urlaub, kommt erholt zurück – und stellt fest: Der Diesel hat die Zeit offenbar genutzt, um einen Intensivkurs im Höhenflug zu absolvieren. Vor der Abreise noch 1,63 Euro pro Liter, bei der Rückkehr plötzlich 2,07 Euro. Ein Preissprung von über 40 Cent in nur einer Woche. So schnell schafft das nicht einmal mancher ambitionierte Aktienkurs. Der Blick ins Ausland sorgt dabei für zusätzliche Verwunderung. Auf Madeira kostet der Liter Diesel derzeit etwa 1,48 Euro – relativ stabil, ohne tägliche Nervenzusammenbrüche auf der Preistafel. Und das, obwohl auch dort Nachrichten geschaut werden und geopolitische Krisen nicht ausschließlich auf deutschem Boden stattfinden.
Hierzulande scheint das allerdings anders zu funktionieren. Kaum rumort es irgendwo auf der Welt – ein Tanker steht quer, ein Politiker runzelt die Stirn oder irgendwo fällt ein Sack Reis um – reagieren deutsche Zapfsäulen mit beeindruckender Geschwindigkeit. Die Preise steigen dann so reflexartig, als seien sie direkt mit dem internationalen Krisenradar verkabelt. Sinkt der Ölpreis dagegen oder beruhigt sich die Lage, passiert etwas Merkwürdiges: Die Krisenantenne scheint plötzlich in den Energiesparmodus zu wechseln. Preissenkungen brauchen dann gerne ein paar Tage, manchmal auch Wochen. Offenbar müssen sie erst sorgfältig geprüft, diskutiert und vermutlich durch mehrere Abteilungen getragen werden.
Viele Autofahrer fragen sich daher längst, ob hier tatsächlich nur der freie Markt am Werk ist – oder ob dahinter ein ausgesprochen erfolgreiches Geschäftsmodell steckt. Große Mineralölkonzerne wie Shell plc, BP (Aral), TotalEnergies oder ExxonMobil dominieren den Markt seit Jahren. In dieser überschaubaren Runde funktioniert Preisfindung offenbar erstaunlich reibungslos – zumindest nach oben. Für die Konzerne läuft das System hervorragend. Jede internationale Krise wirkt wie ein freundlicher Hinweis darauf, dass man die Preisschilder doch noch einmal neu justieren könnte. Die Gewinne sprudeln, während Autofahrer beim Blick auf die Zapfsäule kurz überlegen, ob sie versehentlich Premium-Parfüm statt Diesel tanken.
Die Politik reagiert derweil gewohnt souverän: Man beobachtet. Sehr genau sogar. Dieses Beobachten hat in Deutschland inzwischen fast schon den Status einer politischen Kernkompetenz erreicht. Während Ministerien prüfen, analysieren und weiterhin beobachten, dürfen Verbraucher live verfolgen, wie der Preis an der Zapfsäule zuverlässig nach oben reagiert. Nach unten dagegen bewegt sich erstaunlich wenig. Und wenn doch, dann meist in homöopathischen Dosen. Am Ende bleibt ein beruhigender Gedanke: Das System funktioniert – zumindest für diejenigen, die daran verdienen. Die Konzerne kassieren. Die Politik beobachtet. Und der Autofahrer darf tanken.




Das Barrel Öl ist von gestern 116 Dollar auf aktuell 86 Dollar gefallen.
Also muss man jetzt mal genau auf die Zapfsäule achten, ob diese ebenfalls so schnell fallen.
Wenn nicht: mit den Füßen abstimmen und sich einen Tesla holen. Strom muss nicht per Tanker hier her geschippert werden.