81 Jahre Wandel im Kirner Land – Menschen kommen, Menschen gehen und eine Region verändert sich

81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lohnt ein Blick zurück: Wie haben Flucht, Vertreibung, Zuwanderung und die vielen Veränderungen seit 1945 das Kirner Land geprägt? Ein persönlicher Rückblick auf Menschen, Orte und Entwicklungen, die unsere Region bis heute verändern.

„Es sind 81 Jahre vergangen, seit der Zweite Weltkrieg 1945 endete. 81 Jahre, in denen sich Deutschland, aber auch Kirn und das Kirner Land tiefgreifend verändert haben. Menschen kamen, fanden hier eine neue Heimat, gründeten Familien und prägten das gesellschaftliche Leben. Andere gingen. Unternehmen entstanden und verschwanden, die Landwirtschaft verlor an Bedeutung, die Industrie wandelte sich. Und mit jeder Generation veränderte sich auch das Leben im Alltag. Meine eigenen Erlebnisse in der Mühle meines Onkels in Holthausen, Nordrhein-Westfalen, habe ich bereits niedergeschrieben. Sie wurden am 8. Mai 2020 in der WAZ veröffentlicht. Wenn man auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickt, stellt sich zwangsläufig die Frage: Was haben die Wanderungsbewegungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für das Kirner Land bedeutet? Und wer erinnert sich heute noch daran?

Von der Besatzungszeit zur neuen Heimat

Nach dem Kriegsende folgten zunächst die amerikanische Besatzung und anschließend die französische Besatzung und Verwaltung. Gleichzeitig setzte eine Bevölkerungsbewegung ein, die das Gesicht vieler deutscher Städte und Gemeinden nachhaltig verändern sollte. Unmittelbar nach 1945 kamen Vertriebene und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Menschen aus Schlesien, Pommern, Ostpreußen und Danzig suchten eine neue Heimat. Auch Königsberg und andere Regionen waren von Flucht und Vertreibung betroffen. Viele dieser Menschen kamen nach Rheinland-Pfalz und auch ins Kirner Land. Sie mussten sich hier ein neues Leben aufbauen. Wohnraum wurde benötigt, neue Siedlungen entstanden. In Kirn gehörte der Bereich am Meckenbacher Weg zu den ersten größeren Siedlungsgebieten dieser Zeit. Auch in den Nachbargemeinden wurden mit Unterstützung von Baugenossenschaften neue Wohnungen und Häuser errichtet. Noch heute erinnern Straßennamen und manche Gebäude an diese Zeit. Für viele der damaligen Neubürger wurde das Kirner Land zur dauerhaften Heimat.

Wirtschaftlicher Aufschwung und neue Arbeitskräfte

In den 1950er-Jahren entwickelte sich die Wirtschaft ausgesprochen positiv. Besonders die Lederwarenindustrie prägte Kirn. Zeitweise sollen dort bis zu 2.000 Menschen beschäftigt gewesen sein. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nahm auch die Bautätigkeit zu. Häuser und Wohnungen wurden benötigt, ebenso Handwerker und Arbeitskräfte. Einer der bedeutenden Arbeitgeber der Lederwarenindustrie war damals die Firma Jakob Müller. In den folgenden Jahrzehnten gründete das Unternehmen weitere Firmen beziehungsweise übernahm andere Unternehmen. Auch die Lederindustrie selbst veränderte sich. Die letzten Gerbereien, Böcking und Carl Simon Söhne, stellten ihre Tätigkeit ein. Aus der traditionellen Lederverarbeitung entwickelte sich bei Simon ein Unternehmen der Kunststoffindustrie. Die Firma wurde schließlich zur weltweit tätigen SIMONA AG. Damit entstanden neue Arbeitsplätze und völlig neue Berufsfelder. Forschung und Entwicklung gewannen zunehmend an Bedeutung. Aus einer Region, die über Jahrzehnte vom Leder geprägt worden war, wurde Schritt für Schritt ein moderner Industriestandort.

Neue Baugebiete verändern das Stadtbild

Der wirtschaftliche Aufschwung führte zu einem weiteren Wachstum der Bevölkerung. Damit stieg der Bedarf an Wohnraum. Neue Baugebiete wurden erschlossen und veränderten das Gesicht der Stadt. Am Meckenbacher Weg, Auf dem Loh und am Steiner Berg entstanden neue Häuser. Auch im Bereich Berge-Mäusbronner Weg wurde gebaut. Gleichzeitig wurden neue Industriegebiete erschlossen, darunter Ritterswies und die Sulzbacher Wiesen. Wer Kirn heute betrachtet, kann sich kaum vorstellen, wie stark sich die bebaute Fläche innerhalb von etwa sechs Jahrzehnten vergrößert hat. Aus der Stadt der Nachkriegszeit wurde eine deutlich größere und räumlich weiter ausgedehnte Stadt.

Zuwanderung verändert auch das gesellschaftliche Leben

Mit den Menschen, die nach Kirn und in das Kirner Land kamen, veränderte sich nicht nur die Bevölkerungszahl. Auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben wurde vielfältiger. Nach der Flüchtlingsbewegung der Nachkriegszeit setzte die Zuwanderung von Arbeitskräften ein. Zunächst kamen vor allem Italiener nach Deutschland. Später folgten Menschen aus Jugoslawien, Marokko und Algerien. Viele von ihnen fanden Arbeit in der Lederwarenindustrie. Sie brachten ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten und ihre persönlichen Lebensgeschichten mit. Mit der Zeit wurden sie Teil der Gesellschaft und damit auch Teil der Geschichte des Kirner Landes. Als die Lederwarenproduktion in den 1980er-Jahren an Bedeutung verlor, hatte dies allerdings nicht nur wirtschaftliche Folgen. Der Strukturwandel veränderte auch die Arbeitswelt und damit die Lebensbedingungen vieler Familien.

Wiedervereinigung und neue Wanderungsbewegungen

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 setzte eine weitere Phase der Wanderungsbewegungen ein. Menschen aus der ehemaligen DDR kamen in den Westen, manche auch in unsere Region. Hinzu kamen Menschen aus Kasachstan, dem Kaukasus und verschiedenen arabischen Ländern. Iran, Irak und Syrien gehören ebenso dazu wie Afghanistan. In den vergangenen Jahren kamen außerdem Menschen aus der Ukraine nach Deutschland und teilweise auch in das Kirner Land. Auch Menschen aus verschiedenen afrikanischen Ländern gehören inzwischen zum Erscheinungsbild der Region. Damit hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte erneut verändert. Die Gründe für Migration sind unterschiedlich: Flucht vor Krieg und Verfolgung, politische Veränderungen, wirtschaftliche Perspektiven oder die Suche nach einem sicheren Leben. Gemeinsam ist vielen Menschen jedoch eines: Sie mussten oder wollten irgendwo neu anfangen.

Die Landwirtschaft verliert an Bedeutung

Nicht nur die Industrie, auch die Landwirtschaft hat sich grundlegend verändert. Seit den landwirtschaftlichen Reformen Ende der 1960er-Jahre und den weiteren Entwicklungen in den 1980er-Jahren ging die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe kontinuierlich zurück. Heute gibt es im Kirner Land nur noch wenige Vollerwerbsbetriebe. Was früher zum selbstverständlichen Erscheinungsbild vieler Dörfer gehörte, ist inzwischen selten geworden. Landwirtschaftliche Flächen werden weiterhin bewirtschaftet, doch die Zahl der Menschen, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten, ist stark zurückgegangen.

Auch die Verwaltung hat sich verändert

Der Wandel machte vor der kommunalen Verwaltung nicht halt. Aus dem Amt Kirn-Land wurde 1970 die Verbandsgemeinde Kirn-Land. Im Jahr 2020 entstand die heutige Verbandsgemeinde Kirner Land. An der Spitze der Verwaltung standen über die Jahrzehnte Wilhelm Dröscher von 1949 bis 1967, Adolf Schwenk von 1967 bis 1986, Günter Schwenk von 1986 bis 2000, Herbert Beuscher von 2000 bis 2008, Werner Müller von 2009 bis 2019 und seit 2020 Thomas Jung. Auch in der Stadt Kirn wechselten die Bürgermeister. Heinrich Schneider stand von 1950 bis 1968 an der Spitze der Stadt, Gerd Danco folgte von 1968 bis 1982. In diese Zeit fiel unter anderem der Abriss großer Teile der Kirner Altstadt. Von 1982 bis 2014 war Fritz Wagner Bürgermeister. Während seiner Amtszeit erlebte Kirn unter anderem die schweren Hochwasser von 1993 und 1995. Ihm folgte Martin Kilian von 2014 bis 2019. Seit 2020 ist Frank Ensminger Bürgermeister. Das Jahr 2020 brachte auch auf Verbandsgemeindeebene eine wichtige Veränderung: Stadt und Verbandsgemeinde Kirn-Land wurden zur heutigen Verbandsgemeinde Kirner Land zusammengeführt.

Kirn – zwischen Tradition und Wandel

Kirn ist eine Stadt mit einer besonderen Landschaft. Wasserläufe, Berge, Burgen und Schlösser prägen das Bild und erinnern an eine lange Geschichte. Auch wirtschaftlich besitzt Kirn eine Vergangenheit, die weit über die Region hinaus bekannt ist. Steine, Leder und Bier gehören zu den Begriffen, die mit der Stadt verbunden werden. Die Lederwarenindustrie, die einst Tausenden Menschen Arbeit gab, ist weitgehend verschwunden. An ihre Stelle traten neue Unternehmen und neue Branchen. Die Firma SIMONA gehört heute zu den weltweit tätigen Unternehmen der Hightech-Kunststoffbranche. Gleichzeitig erinnern Namen wie Büffel Braun, Müller und Meier an die frühere Bedeutung der Lederwarenherstellung. Auf Flughäfen sind diese Marken teilweise noch in Duty-free-Shops zu finden. Das Kirner Land versucht damit, zwei Dinge miteinander zu verbinden: die Erinnerung an die eigene Geschichte und die Anforderungen einer sich ständig verändernden Gegenwart.

Ein Blick zurück in die 1960er-Jahre

Besonders deutlich wird der Wandel, wenn man sich das Kirn der 1960er-Jahre vor Augen führt. Damals gab es noch einen Schlachthof. Bauern aus der Umgebung brachten ihr Vieh dorthin. Allein in Kirn bestanden acht Metzgereien. Jeder dieser Betriebe beschäftigte durchschnittlich drei Gesellen und drei Lehrlinge. Sechs Bäckereien sorgten für das tägliche Brot. Jede beschäftigte etwa zwei Gesellen und vier Lehrlinge. Hinzu kamen drei Konditoreien mit mehreren Mitarbeitern und Lehrlingen. Konditoreien waren damals weit mehr als Geschäfte. Dort wurden Geburtstags- und Hochzeitstorten bestellt, aber man traf sich auch zum Gespräch. Sie waren Orte der Begegnung. Ähnlich wichtig waren die zahlreichen Gaststätten. Bei Bier und anderen Getränken traf man sich, diskutierte und pflegte Kontakte. Der Stammtisch gehörte selbstverständlich zum gesellschaftlichen Leben. Auch die damaligen Kolonialwarenhändler, die man heute als Tante-Emma-Läden bezeichnen würde, gehörten zum Stadtbild. Manche versorgten ihre Kunden sogar noch nach Feierabend. Sechs Bekleidungs- und Textilgeschäfte für Frauen, Männer und Kinder gab es damals in Kirn. Viele dieser Geschäfte sind längst verschwunden. Das Kaufhaus Müller und die Drogerie Trageser sind vielen Kirnern jedoch bis heute in Erinnerung geblieben.

Vom Tante-Emma-Laden zum Onlinehandel

Heute funktioniert Einkaufen völlig anders. Versandhandel, Onlinehandel und Zustelldienste bestimmen zunehmend den Alltag. Waren werden bestellt und bis vor die Haustür geliefert. Drei Discounter und ein kleinerer Markt sichern heute einen großen Teil der Versorgung in Stadt und Land. Die moderne Logistik macht es möglich, Waren aus nahezu allen Teilen der Welt schnell verfügbar zu machen. Doch mit dem Komfort verändert sich auch das gesellschaftliche Leben. Der Einkauf im örtlichen Geschäft war früher nicht nur Versorgung, sondern häufig auch Begegnung. Man kannte den Händler, traf Bekannte und tauschte Neuigkeiten aus. Heute genügt dagegen oft ein Klick.

Was bringt die Zukunft?

Nun steht bereits die nächste große Veränderung bevor: der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz. Wird künstliche Intelligenz künftig auch Werte vermitteln können? Wie werden sich unsere Empfindungen und unser Umgang miteinander verändern? Welche Gemeinschaften und Freundschaften werden Bestand haben? Und welche Rolle wird der persönliche Kontakt in einer immer stärker digitalisierten Welt noch spielen? Diese Fragen sind nicht nur für Großstädte oder internationale Unternehmen relevant. Sie betreffen auch kleine Städte und Gemeinden wie Kirn. Denn gesellschaftlicher Wandel findet nicht irgendwo statt. Er findet vor unserer Haustür statt.

81 Jahre Veränderung

81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird deutlich, wie tiefgreifend sich Kirn und das Kirner Land verändert haben. Menschen kamen und gingen. Vertriebene und Flüchtlinge fanden hier eine neue Heimat. Arbeitskräfte aus anderen Ländern kamen hinzu. Später folgten weitere Migranten und Geflüchtete aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Unternehmen entstanden und verschwanden. Die Lederindustrie verlor ihre frühere Bedeutung, neue Industrien entwickelten sich. Die Landwirtschaft ging zurück. Neue Wohn- und Industriegebiete veränderten das Landschaftsbild. Das Einkaufsverhalten wandelte sich ebenso wie die kommunalen Strukturen und das gesellschaftliche Leben. Wer heute durch Kirn und das Kirner Land geht, sieht deshalb nicht nur eine Stadt und eine Landschaft. Er sieht die Spuren von 81 Jahren Geschichte. Die Geschichte des Kirner Landes ist damit keineswegs abgeschlossen. Sie wird jeden Tag weitergeschrieben – durch die Menschen, die hier geboren wurden, hier leben, arbeiten, ankommen und ihre Zukunft gestalten.

Paul-Gerhard Wagner

One thought on “81 Jahre Wandel im Kirner Land – Menschen kommen, Menschen gehen und eine Region verändert sich”

  1. Vielen Dank, Herr Wagner, für diesen sehr umfassenden Überblick über die Entwicklungen, die Kirn in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben.

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