Vom Polizeibericht zur Klickgeschichte: Die größte Rettungsaktion fand in der Schlagzeile statt

Wer an Ostern die Schlagzeilen überflog, konnte sich kurz fragen, ob zwischen Bärenbach und Fischbach nicht versehentlich ein Katastrophenfilm gedreht wurde. „Seniorin in Not!“, „Großeinsatz!“, „Gefahr für Familien!“ – fehlte eigentlich nur noch der Hinweis auf einen Meteoriten im Anflug. Die Realität dagegen: Eine 75-Jährige fährt sich mit ihrem Nissan an einer etwas ungünstigen Stelle fest. Ende der Dramatik. Kein Crash, kein Chaos, keine panisch flüchtenden Radfahrerhorden. Nur ein Auto, das beschlossen hatte, sich spontan in die Landschaft zu integrieren – und eine Fahrerin, die sich vermutlich dachte: „Das war so nicht geplant.“ Natürlich rückten Einsatzkräfte an. Feuerwehr, Abschleppdienst, kurzzeitig umgeleitete Radfahrer – also genau das, was sie täglich tun. Routine. Alltag. Nichts, was man später seinen Enkeln mit zittriger Stimme erzählen müsste. Doch irgendwo zwischen nüchternem Polizeibericht und veröffentlichter Schlagzeile muss ein literarisch ambitionierter Dramaturg die Feder übernommen haben.

Plötzlich wird aus „Auto steckt fest“ eine „aufwendige Rettungsaktion“. Aus „niemand gefährdet“ wird „Gefahr für zahlreiche Familien“. Nicht zu vergessen das „Wunder“: Man möchte fast applaudieren: So viel Spannung aus so wenig Material – das schafft nicht mal ein durchschnittlicher Tatort. Dabei ist die Stelle offenbar ein alter Bekannter. Autos bleiben dort hängen wie Kaugummis unter der Schulbank. Früher hätte man solche und ähnliche Lagen mit einem Schulterzucken quittiert: Zwei Beamte, ein bisschen Rangieren, vielleicht ein trockener Spruch – fertig. Heute dagegen braucht selbst ein festgefahrenes Auto offenbar einen Spannungsbogen, mehrere Akte und mindestens eine gefühlte Heldengeschichte. Man fragt sich unweigerlich: Wird hier eigentlich noch berichtet – oder schon Drehbuch geschrieben? Die Frage möge jeder für sich selbst beantworten.

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