Wie verändert sich unser Wald – und was bedeutet das für Böden, Wasser und unsere Lebensgrundlagen? Paul-Gerhard Wagner aus Oberhausen bei Kirn beobachtet seit Jahrzehnten den Wandel vor seiner Haustür und stellt unbequeme Fragen zum Umgang mit der Natur. Seine Kolumne ist ein Plädoyer dafür, genauer hinzusehen, bevor aus schleichenden Veränderungen unumkehrbare Verluste werden.
„Wer auf dem Land lebt, vielleicht sogar in der Landwirtschaft aufgewachsen ist, entwickelt meist einen anderen, einen zyklischen Bezug zur Natur. Man kennt die Jahreszeiten nicht nur aus dem Kalender, sondern erlebt sie. Man sieht, was wächst, was vergeht und was sich erneuert. Und man bemerkt irgendwann auch, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.
Über viele Jahrzehnte durfte ich diese Veränderungen beobachten.
Die Ortsgemeinde Oberhausen bei Kirn bietet alljährlich Waldbegehungen mit einem fachkundigen Förster an. In diesem Jahr hatten die Teilnehmer Gelegenheit, den Wald gemeinsam mit Tobias Helfenstein, dem Förster des Jahres 2026, zu erkunden. Solche Führungen sind wichtig. Sie vermitteln Wissen über Bäume, Böden, Wiesen und Felder – und darüber, wie eng unser Leben mit dem Zustand unserer natürlichen Lebensgrundlagen verbunden ist. Doch bei aller Fachkunde und allem berechtigten Interesse an den verschiedenen Baumarten stellt sich eine grundsätzliche Frage: Schauen wir im Wald eigentlich noch genau genug hin – oder sehen wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr?
Der Oberhauser Wald ist mehr als eine Ansammlung von Holz. Vor allem Eichen und Buchen prägen seinen Charakter. Teilweise stehen diese Bäume dort seit mehr als 200 Jahren. Daneben wachsen Kiefern, Fichten und Tannen. Gräser, Kräuter, Blumen, Sträucher und Beerenpflanzen bedecken die Böden. Rehe, Wildschweine, Hasen, Dachse und Füchse finden hier ebenso ihren Lebensraum wie zahlreiche Vogelarten. Das alles ist kein dekoratives Beiwerk für Wanderer und Spaziergänger. Es ist ein Lebensgefüge, in dem alles miteinander verbunden ist: Baum und Boden, Luft und Wasser, Pflanzen und Tiere. Ein Wald ist eben nicht einfach Holz, das auf seinen Einschlag wartet.
Wenn der Wald ausdünnt, wird auch das Wasser zum Thema
Wer die Entwicklung des Oberhauser Waldes über Jahrzehnte verfolgt hat, kann Veränderungen nicht einfach übersehen. Nach meinen langjährigen Beobachtungen hat der Bestand erheblich an Dichte verloren. Wo früher auf einem Hektar etwa 90 Eichen standen, sind es heute teilweise nur noch rund 40. Viele dieser Bäume waren zwischen 120 und 200 Jahre alt. Auch einzelne Buchen haben dieses Alter erreicht. Natürlich verändert sich ein Wald. Bäume sterben, neue wachsen nach, und nicht jeder Eingriff ist grundsätzlich falsch. Doch wenn sich Holzeinschläge, Trockenheit, Schädlinge und fehlende Verjüngung gegenseitig verstärken, muss die Frage erlaubt sein, ob wir dem Wald noch genügend Zeit und Raum zur Erholung lassen.
Käfer und andere Schädlinge setzen den Bäumen zu. Eichen und Buchen geraten unter Druck. Nachwachsende Bäume gibt es zwar durch natürliche Aussaat, doch die jungen Pflanzen sind auf ausreichende Feuchtigkeit angewiesen. Bleibt der Regen aus, hilft auch die beste Hoffnung auf die nächste Baumgeneration wenig. Immerhin erfüllen Brombeerbestände dabei eine wichtige Funktion: Sie können den Boden beschatten und seine Austrocknung bremsen. Doch auch sie allein werden die Probleme eines geschwächten Waldes nicht lösen. Und damit sind wir bei einem Thema, das häufig erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn es im Sommer aus dem Wasserhahn nur noch spärlich läuft: dem Wasserhaushalt.
Wasser ist keine Selbstverständlichkeit
Der Wald beeinflusst, wie Niederschläge aufgenommen, gespeichert und wieder abgegeben werden. Gesunde Waldböden können Wasser aufnehmen und zurückhalten. Wurzeln, Humus und Bodenlebewesen tragen dazu bei, dass Wasser nicht einfach möglichst schnell verschwindet, sondern dem Naturhaushalt erhalten bleibt. Auch der Eichenwald in der Oberhausener Gemarkung muss deshalb unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Die örtlichen Wasserwege und unterirdischen Fließprozesse verdienen eine genauere Untersuchung. Welche Bedeutung der Wald für die Wasserversorgung der Umgebung und für den Hundsbach in Richtung Kirn tatsächlich hat, sollte fachlich geprüft und nachvollziehbar dokumentiert werden.
In der Frohnwies und auf angrenzenden Ackerflächen wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren Drainagen verlegt, um landwirtschaftliche Böden zu entwässern. Damals war das gewollt und für die Bewirtschaftung sinnvoll. Heute stellt sich angesichts zunehmender Trockenperioden eine andere Frage: Können wir es uns noch leisten, Wasser möglichst schnell aus der Landschaft abzuleiten, statt es dort zu halten, wo es gebraucht wird? Frühere Waldflächen wurden gerodet, um Ackerland zu gewinnen. Heute kommen weitere Veränderungen hinzu: intensiv genutzte Flächen, Monokulturen und Photovoltaikanlagen auf landwirtschaftlichen Grundstücken. Nicht jede dieser Nutzungen ist automatisch ein Problem. Doch in ihrer Gesamtheit müssen sie unter einem Gesichtspunkt betrachtet werden: Wie viel Raum geben wir der Natur, und wie viel Wasser bleibt unserer Landschaft?
Holz wächst nach – ein alter Wald nicht so schnell
Holz ist ein wichtiger Rohstoff. Es zu nutzen, gehört seit Jahrhunderten zur Forstwirtschaft. Aber zwischen nachhaltiger Nutzung und einem schleichenden Verlust wertvoller Waldbestände liegt ein entscheidender Unterschied. Eine zweihundertjährige Eiche lässt sich nicht durch eine junge Pflanzung ersetzen, als tausche man einen defekten Zaunpfahl aus. Bis ein solcher Baum wieder seine ökologische Bedeutung erreicht, vergehen Generationen. Wer den Wald ausschließlich nach dem kurzfristig verfügbaren Holzbestand beurteilt, übersieht diese Zeitdimension. Deshalb müssen künftige Holzeinschläge sorgfältig abgewogen werden.
Wo der Wald bereits stark ausgedünnt ist, braucht es ein Konzept, das nicht nur die Holznutzung, sondern ebenso die natürliche Verjüngung, den Schutz des Bodens und den Wasserrückhalt berücksichtigt. Auf geeigneten Kahlflächen können gezielte Aufforstungen sinnvoll sein. Ebenso wichtig ist es, natürliche Aussaat zu ermöglichen und junge Bäume vor übermäßiger Konkurrenz und Verbiss zu schützen. Welche Maßnahmen im Oberhauser Wald erforderlich sind, sollte auf Grundlage einer fachlichen Bestandsaufnahme entschieden werden. Denn die Natur regeneriert sich nicht auf Knopfdruck. Und schon gar nicht allein deshalb, weil wir ihr ausreichend Zeit auf dem Papier eingeräumt haben.
Der Wald gehört nicht nur der Gegenwart
Bei einer Waldbegehung lässt sich längst nicht alles vermitteln, was über das Zusammenspiel von Natur, Boden und Wasser zu wissen wäre. Aber vielleicht reicht es schon, wenn wir anfangen, die richtigen Fragen zu stellen. Wie sichern wir den Fortbestand der alten Eichen und Buchen? Wie verhindern wir, dass sich Waldflächen weiter ausdünnen? Welche Möglichkeiten gibt es, Wasser länger in der Gemarkung zu halten? Und wie müssen Forstwirtschaft und Landwirtschaft künftig zusammenarbeiten, damit der Naturhaushalt nicht immer weiter unter Druck gerät? Das sind keine romantischen Fragen naturverbundener Spaziergänger. Es sind Fragen nach den Lebensgrundlagen kommender Generationen. Der Oberhauser Wald soll schließlich auch in Zukunft ein Ort sein, an dem Menschen wandern, Tiere leben, junge Bäume wachsen und Wasser seinen natürlichen Weg findet. Damit das gelingt, müssen wir heute genauer hinschauen und verantwortungsvoll handeln.
Denn einen Wald kann man abholzen. Einen alten Wald kann man nicht einfach nachbestellen. Und Wasser, das aus einer Landschaft verschwindet, kommt nicht unbedingt dann zurück, wenn wir es dringend brauchen.
Paul-Gerhard Wagner
Oberhausen bei Kirn




