In Österreich hängen Werbeplakate. Das allein ist noch keine Pointe. Die Pointe steht klein darunter: 9,6 Cent pro Kilowattstunde. Neun. Komma. Sechs. In Deutschland liest man solche Zahlen sonst nur noch auf Grabsteinen der Energiepolitik oder in historischen Romanen mit dem Titel „Als Strom noch bezahlbar war“. Während man hierzulande froh ist, wenn der Strompreis unter die magische 30-Cent-Marke rutscht – ein Preis, bei dem man zwar immer noch arm wird, aber mit Würde –, wirbt Österreich mit Tarifen, die wirken wie aus einem Märchenbuch der Gebrüder Wasserkraft. Und nicht irgendein Österreich: Tirol, genauer gesagt der Wilde Kaiser.
Überall diese Plakate. Am Straßenrand. Am Kreisverkehr. Sie lächeln einem entgegen und sagen sinngemäß: Schau her, Strom kann auch Spaß machen. Und man steht davor wie ein deutscher Tourist leicht beschämt, leicht neidisch und mit dem dumpfen Gefühl, etwas grundsätzlich falsch gemacht zu haben. Warum ist das so? Nun, in Österreich kommt der Strom aus Bergen, Wasser, Natur und vermutlich direkt aus dem gesunden Menschenverstand. In Deutschland dagegen aus Umlagen, Abgaben, Zuschlägen, Sicherheitsaufschlägen, moralischen Aufschlägen und dem Aufschlag auf den Aufschlag. Jede Kilowattstunde hat hier eine Biografie, einen CO₂-Fußabdruck und mindestens drei Schuldgefühle.
Der Österreicher schaltet das Licht ein. Der Deutsche denkt kurz darüber nach, ob es das wirklich braucht. Vielleicht reicht ja Kerzenschein. Oder Hoffnung. Besonders perfide ist die Platzierung dieser Plakate. Man fährt durch eine Postkartenlandschaft, die Berge leuchten, die Luft ist klar, und dann liest man: 9,6 Cent. Das ist kein Werbehinweis, das ist psychologische Kriegsführung. Ein sanfter Alpen-Smash gegen das deutsche Nervenkostüm. Am Ende bleibt die Erkenntnis: In Tirol ist nicht nur die Landschaft günstiger fürs Gemüt, sondern auch der Strom. Frohes Neues Jahr!




