Die aktuellen Entwicklungen bei der Sparkasse Rhein-Nahe, über die der Öffentliche Anzeiger zum Jahresende berichtete, wirken auf den ersten Blick beinahe beruhigend: Ein operativ ordentliches Ergebnis von rund 40 Millionen Euro, flankiert von ein paar Abschreibungen. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn was sich sachlich liest, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Desaster. Die Abschreibungen übersteigen den Gewinn deutlich – und stammen aus Geschäften, die inzwischen unter dem eleganten Sammelbegriff „Exit-Portfolios“ geführt werden. Übersetzt heißt das: Das waren einmal strategische Erfolge, heute sind sie Altlasten. Oder anders gesagt: Man verabschiedet sich nun offiziell von Dingen, die man früher sehr bewusst wollte – solange sie funktioniert haben Tatsächlich hatte die Sparkasse über Jahre ihren klassischen Pfad verlassen. Statt sich auf regionale Kunden, mittelständische Unternehmen und langfristige Geschäftsbeziehungen zu konzentrieren, engagierte sie sich in Übernahmefinanzierungen für Private-Equity-Investoren sowie in großvolumigen Immobilienprojekten – oft weit außerhalb des eigenen Geschäftsgebiets.
Rechtlich war das alles zulässig, zeitweise sogar sehr lukrativ. Mit dem öffentlichen Auftrag einer Sparkasse hatte es allerdings nur noch eingeschränkt zu tun. Man wollte offenbar zeigen, dass man auch im Konzert der Großen mitspielen kann – oder zumindest mit ihnen das Bein hebt. Dass diese Geschäfte heute als Altlasten gelten, liegt weniger an einzelnen Fehlentscheidungen als an einer Grundannahme, die sich inzwischen als gewagt erwiesen hat: dass extrem niedrige Zinsen und stabile Märkte eine Art Dauerzustand seien. Als sich das wirtschaftliche Umfeld änderte, zeigte sich, wie fragil dieses Geschäftsmodell war. Ein Modell, das – wie der neue Vorstand selbst einräumt – „nur in dieser Phase“ funktionierte, ist im Rückblick weniger Strategie als Wette. Und Wetten gehen bekanntlich nicht immer gut aus. Ausbaden müssen das gewiss die Kunden über höhere Gebühren. So ist es doch meist.
Auch die Kontrollgremien haben diesen Kurs über Jahre mitgetragen. Noch kurz vor den massiven Wertberichtigungen war von einem „sehr gut bestellten Haus“ die Rede, bescheinigt unter anderem von Landrätin Bettina Dickes. Heute weiß man: Das Haus war ordentlich eingerichtet, keine Frage – nur stand es auf einem Fundament, dessen Tragfähigkeit stark von der Großwetterlage abhing. Positiv ist, dass nun ein Strategiewechsel erkennbar ist. Risiken werden offen ausgewiesen, Portfolios zurückgeführt, die Bilanz bewusst verkleinert. Die Sparkasse will wieder das sein, was sie ihrem Selbstverständnis nach immer war: regional, kundennah und finanziell robust. Gleichwohl bleibt festzuhalten: Es ist sehr viel Geld verloren gegangen. Nicht investiert, nicht gebunden – verloren. Einfach weg. Ob der eingeschlagene Rückweg dauerhaft gelingt, wird sich weniger an neuen Schlagworten oder Leitbildern entscheiden, sondern daran, wie konsequent man künftig dem eigenen Auftrag treu bleibt – und wie wetterfest das Fundament diesmal wirklich ist.
„Dieser Beitrag ist eine journalistische Analyse und Meinungsäußerung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen.“




